Ultraläuferin Kerstin Ehler: Einmal um das ehemalige West-Berlin

Kerstin Ehler aus Hainbronn beim Mauerweglauf 

Laufen kann so manche Mauer durchbrechen" - weiß Ultraläuferin Kerstin Ehler aus dem Pegnitzer Ortsteil Hainbronn. Mit 25 Jugendlichen und Erwachsenen mit dem Gen-Defekt Trisomie 21 lief sie am Welt-Down-Syndrom-Tag den Berliner Mauerweg. Es war ein Lauf aus purer Lebensfreude - der sie damit auch einmal um das ehemalige West-Berlin geführt hat.

156 Kilometer ist der Berliner Mauerweg lang und zeichnet die Strecke nach, die einst Ost und West getrennt hat. "Ich wollte wissen, ob ich so weit und so lange laufen kann", sagt die Pegnitzerin nach 27 Stunden Sport auf dem geschichtsträchtigen Weg. Denn eine Nacht durchzulaufen "war für mich bisher unvorstellbar".

Am Start waren neben der Down-Syndrom Marathonstaffel des Laufclubs 21 aus Fürth mit ihr Familienteams und 40 leidenschaftliche Ultra-Läufer aus Deutschland und England. Für sie ging es gemeinsam vom Prenzlauer Berg durch Spandau, Kreuzberg bis nach Wedding. "Spektakulär war für unser ungleiches Läuferfeld schon der Startschuss im Mauerpark an der Bernauer Straße", so die 43-jährige. Nachdem Pink Floyds »The Wall» angespielt worden war, rannten die Staffel-Marathonis am Ende des Countdown einige überdimensionale Dominosteine um. Symbolisch gegen die Mauern in den Köpfen, um einen Tag später gemeinsam mit behinderten und nichtbehinderte Menschen beim Sportfest der Berliner Lebenshilfe zusammen die Ziellinie zu überqueren.

Bilder vom Mauerweglauf

   
     

25 Jahre hat Kerstin Ehler Handball gespielt. »Da konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die weiter als 40 Meter rennen können.» Denn genauso lange sprintete sie bei den Spielen des ASV Pegnitz in der Halle »von Kreis zu Kreis». Ausdauertraining im Sommer? Einmal die Woche als Ausgleich 20 Minuten joggen? »Das war für mich schon die Hölle. Hätte mir damals einer gesagt, dass ich jemals einen Marathon oder mehr laufe, ich hätte ihn für verrückt erklärt.»

Ausdauer trainiert

Mittlerweile hat die Pegnitzerin zahlreiche Langstrecken absolviert. Das schafft Ausdauer und Motivation für den Alltag. Kerstin Ehler kennt »Denk-Mauern» daher auch aus eigener Erfahrung sehr gut: »Viele Leute wissen doch noch immer nicht, wie sie sich gegenüber Menschen mit Behinderungen verhalten sollen.» Der Mauerweglauf sollte daher dazu beitragen, die Scheu abzubauen. Eine einfache Botschaft, die ansteckt. »Und gerade durch Sport lassen sich mit großer Leichtigkeit viele Berührungsängste abbauen.» Bei Wettkämpfen sind die Läufer mit Down-Syndrom Sportler unter Sportlern. Motivation für die Ausdauerleistung war daher auch, die Staffel auf ihrem denkwürdigen Ereignis zu begleiten.

Für die Down-Marathonis war der Lauf ein Staffellauf, wobei das Tempo nicht hoch war. Alle fünf bis neun Kilometer war eine Versorgungsstation eingerichtet, an der dann auch der Staffelstab übergeben wurde.

Die Ultras liefen dagegen die gesamte Strecke durch. Allerdings war die Gruppe bereits nach kurzer Zeit sehr auseinandergezogen, so Kerstin Ehler.

Geschafft: Kerstin Ehler läuft mit den Marathonis im Ziel ein

»Um so schöner empfand ich es, dass jeder, der an der Wechselstelle ankam, mit Applaus begrüßt wurde. Leider konnte der Zeitplan nicht lange eingehalten werden. Schon abends waren wir 1 1/2 Stunden hinter dem Soll zurück.»

Noch größer der Verzug im Morgengrauen: Da die Gruppe am Vormittag im Jahn-Stadion erwartet wurde, entschied die Rennleitung spontan, 27 Kilometer zu streichen. Schließlich warteten auf dem Potsdamer Platz nicht nur Motorradstreifen der Polizei, die sonst die Staatsgäste begleiten, sondern auch viele Familien, Freunde und Sportler der Berliner Lebenshilfe. Sie alle wollten die Gruppe die letzten Etappen durch das Regierungsviertel zur symbolträchtigen Bernauer Straße begleiten. Von Kilometer 111 bis Kilometer 139 wurden die Sportler deshalb in Bussen gefahren, dann der Lauf neu gestartet. Damit die Staffel auch beendet wurde, liefen neun erfahrene Ultras in eigener Verantwortung die gesamte Strecke durch. Eine spontane Entscheidung, die niemandem weh tat.

Der Zieleinlauf ins Stadion war unbeschreiblich. »Hand in Hand absolvierten wir mit allen Marathonis noch eine Runde.» Jubelnd und mit Tränen in den Augen fielen sich die Sportler um den Hals. Jeder ließ seinen Emotionen freien Lauf. Kerstin Ehler: »Bei mir waren Tränen der Freude über einen geglückten Lauf, was Strecke und Zeit betrifft, aber auch, dass ich bei diesem Ereignis dabei sein durfte. Menschen mit Handicap haben mir einmal mehr gezeigt, wie lebenswert das Leben ist.»

Promis an der Strecke

Dafür zeigten auch zahlreiche Prominente ihre Unterstützung. Sozial-Staatssekretär Rainer-Maria Fritsch lief die ersten Kilometer mit. Deutschlands berühmtester Jogger Achim Achilles, alias Hajo Schumacher, wartete im Ziel. Und die gesamte Strecke mit dabei war John Dawson, mittlerweile 73 Jahre alter Trainer und Mentor Simon Beresfords, des ersten Marathonläufers mit Down-Syndrom überhaupt. Ohne sein Vorbild wäre der Fürther Laufclub 21 nicht gegründet worden. Zwei Stunden später kam dann der Rest der Gruppe. Und wieder gab es eine Runde auf der Stadionbahn, begeistert applaudiert von den Fans der Lebenshilfe, die gleichzeitig ihr 20-jähriges Bestehen feierte.

Kerstin Ehler am Start beim Berliner Mauerweglauf

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Artikel vom 7. April 2010